
 |  | 1.1.2 Paradigmenwechsel
Die mit dem Internet in Verbindung gebrachten Veränderungen in Gesellschaft und Wirtschaft werden von vielen als Paradigmenwechsel charakterisiert. (6) Der grosse Wissenschaftstheoretiker Thomas Kuhn schreibt in seinem Buch The Structure of Scientific Revolutions [1962], dass nicht die kontinuierliche Evolution des Wissens sondern einzig wissenschaftliche Revolutionen zu wirklich neuen Erkenntnissen führen. Ein berühmtes Beispiel von abruptem, diskontinuierlichem Wandel ist die gleichzeitige "Erfindung" der linearen Algebra durch Leibnitz und Newton.
Stellt das Internet und die damit verbundenen Veränderungen einen solchen Paradigmenwechsel dar? Verschiedene Publikationen zum Thema Internet und New Economy wollen dies, wie bereits erläutert, glauben machen. Doch wie verschiedentlich aufgezeigt wurde - in exzellenter Weise zum Beispiel von Shapiro und Varian im Buch Information Rules [1999] - gelten Aussagen über Nachfrage- und Angebotsbeziehungen, Grenznutzen, Märkte und Marktverhalten auch in der digitalen Wirtschaft.
"Technology changes. Economic laws do not."
[Shapiro/Varian 1999, 1-2]
Die Verlagerung und Veränderung von einer Industriegesellschaft hin zu einer Informationsgesellschaft erfolgte graduell. Die grossen Konglomerate der fünfziger und sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts haben sich aufgelöst. Gebildet haben sich kleinere Subeinheiten, die sich auf ihre Kernkompetenzen konzentrieren. Die Strukturen grosser Unternehmen, deren angestrebter Erfolg typischerweise im Erreichen von Skaleneffekten durch zentrale Planungs- und Kontrollmechanismen liegt, sind schlecht auf die Erfordernisse der digitalen Wirtschaft auszurichten: Schnelligkeit, Flexibilität und Effektivität.
Das Wirtschaftleben ist heute global organisiert. Ein Unternehmen konzentriert sich fast ausschliesslich auf seine Kernaktivitäten, um dem Anspruch der Maximierung der Erträge gerecht werden zu können. Alle Aktivitäten, die Dritte billiger, besser und rascher erledigen können, werden ausgegliedert (Outsourcing). Ein zunehmend komplexes Netzwerk von formellen und informellen Beziehungen verbindet die Unternehmen. Diese Bewegung wird angetrieben durch immer umfassendere Informationstechnologien und ermöglicht einem zunehmend breiten Kreis von Unternehmen, das Potenzial von Netzwerken auszuschöpfen.
Früher war allein die britische Kolonialverwaltung in der Lage, mit Hilfe einer äusserst flachen Organisationsstruktur ein derart komplexes Gebilde wie einen Kontinent von der Grösse Indiens zu verwalten. Heute ist es denkbar, dass dies für jedermann mit einem PC und einer Internetverbindung möglich ist - wie das Beispiel des Managements digitaler Musik im MP3-Format zeigt. (7)
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