1.1.3 MP3 - digitale Musik

Als ein neunzehnjähriger Student namens Shawn Fanning im Herbst 1999 seine Anwendung mit dem ungewöhnlichen Namen Napster als Betaversion im Internet veröffentlichte, konnte er nicht ahnen, was für ein Erdbeben er damit auslösen würde. Innerhalb von Wochen luden sich Tausende von Internet-Benutzern, insbesondere amerikanische Hochschulstudenten, das Programm auf ihren Computer und begannen, Musikfiles im MP3-Format auszutauschen. Mittlerweile wird die internationale Napster-Gemeinde auf über 40 Millionen regelmässige Benutzer geschätzt.

Keine Gemeinschaft ist je so schnell gewachsen. Wie ein Flächenbrand hat sich das Napster-Fieber sowie seine Ableger mit Namen wie Gnutella, Gnapster, Wrapster, Free-Net und andere rund um die Welt fortgepflanzt. Längst werden nicht nur Musikfiles getauscht sondern mittlerweile beliebige Dateiformate. Damit wird die Unterscheidung zwischen Client und Server aufgehoben; das Internet verwandelt sich in ein verteiltes System (siehe auch Abschnitt 4.1.2 zu Peer-to-Peer Computing).

Diese unscheinbaren Programme haben die scheinbaren Grundfesten unserer Wirtschaftsordnung erschüttert. Der Download der Dateien ist umsonst, die grossen Musikkonzerne sind um ihre Einnahmen geprellt. Selbstverständlich versuchen diese, sich zu wehren, und die weltweite Dachorganisation IFPI tut ihr Möglichstes, um einen eigenen Standard für den Austausch mit einem eingebauten Kopierschutz zu schaffen. Doch mit wenig Erfolg. Die Musikkonzerne fühlen sich bedroht.

Zurecht? Vor der Erfindung der Schallplatte gab es keine Musikindustrie. Musiker lebten von Tourneen und Konzerteinnahmen. Die Schallplatte und später auch die CD boten eine Methode, Musik dauerhaft auf einem Tonträger zu speichern. Die heute mögliche Digitalisierung von Inhalten in eine Serie von 1 und 0 löst die Verbindung von Musik und Tonträger und damit die Kopplung an einen bestimmten Vertriebskanal auf.

Die für die Schallplattenfirmen bisher zentrale Frage nach der Kontrolle des Vertriebskanals wird ersetzt durch die Frage, wie das Interesse von Musikliebhabern weiterhin auf die eigenen Inhalte gelenkt werden kann. Die Ökonomie der knappen Güter wird abgelöst durch eine Ökonomie der Aufmerksamkeit. (8)

Die Musikkonzerne sind bloss die jüngsten Opfer in einer langen Reihe von - durch Disruptive Technologies ausgelösten - Veränderungen der Strukturen ganzer Wirtschaftszweige. Disruptive Technologies zeichnen sich zu Beginn oft durch geringe Leistungskraft aus, sind aber billig, einfach zu bedienen und offerieren grosse Bequemlichkeit. Als der PC in den frühen achtziger Jahren sein Debüt feierte, wurde er von professionellen Computerbenutzern belächelt. Doch schnell wurde der PC schlauer, kleiner, billiger und einfacher zu gebrauchen. Der Rest ist Geschichte. Die Geschäftsmodelle und Strategien der Musikindustrie sind nicht länger langfristig gewinnbringend und müssen überdacht werden. Der bekannte Wirtschaftswissenschaftler Schumpeter nannte diese Veränderungen auch kreative Zerstörung - "Creative Destruction". (9)

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Letzte Aktualisierung dieser Seite: 03/18/2001 05:55 PM
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